Warum heißt Antisemitismus „Antisemitismus“?

* Warum richtet sich der Begriff „Antisemitismus“ gegen Juden und nicht gegen alle Semiten?

Nach der Bibel sind Semiten die Nachkommen Sems, also Juden und Araber.

Wissenschaftlich war „semitisch“ zunächst eine Sprachfamilie, zu der u.a. Hebräisch und Arabisch zählten. Schließlich wurden im 19. Jahrhundert die Völker, die semitische Sprachen sprachen, zu Semiten deklariert. Das System war in sich widersprüchlich, da nordafrikanische Hamiten Arabisch sprechen und Juden vor 200 Jahren sich eher in ihrer Landessprache oder in Jiddisch oder in Ladino der spanischen Juden unterhielten als in Hebräisch, welche als heilige Sprache den Gebeten vorbehalten war.

Das Wort „Antisemit“ wurde damals von Judenhassern, heute würde man sie „Judenkritiker“ nennen, erfunden, um sich von den kirchlichen Judenhassern, den Antijudaisten, zu trennen. Wahrscheinlich war den Antisemiten die christliche Religion zu semitisch.

Der Begriff „Antisemitismus“ setzte sich wegen seiner Unschärfe sehr bald durch. Zum Einen war er international, zum Anderen weniger grob als „Judenhass“. Auch Juden benutzten ihn gerne, weil sie „Jude“ als Schimpfwort empfanden. Sie nannten sich jedoch nicht „Semiten“, sondern bevorzugten „Israeliten“.

Somit richtet sich der Antisemitismus ausschließlich gegen Juden und nicht gegen Semiten, die in ihrer Mehrzahl in Vorderasien lebende Araber sind. Komplizierend sind viele Araber keine Semiten, sondern Hamiten. Sammy Davis junior, der schwarze Sänger und Schauspieler, trat zum Judentum über, weshalb er kein Semit wurde. Auch Nachkommen zum Christentum übergetretene Juden akzeptieren nicht, Semiten genannt zu werden. Seltene jüdische Familiennamen, die heute von Juden und Christen, deren Vorfahren Juden waren, getragen werden, sind in Österreich und Osteuropa „Hiedler“ (jidd. Hutmacher) und häufige in Spanien „Franco“, was in Ladino „spanischer Jude“ bedeutet.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass der Inhalt von Begriffen vom Wort abweicht. Jeder versteht das Wort „Hexenverbrennung“, obwohl es keine solche Verbrennungen gegeben hat, da wir Gebildeten wissen, dass es keine Hexen gibt, die somit nicht verbrannt werden können. Unter „Hexenverbrennung“ werden Verbrennungen von Frauen verstanden, die fälschlicherweise beschuldigt wurden, Hexen zu sein. Das Wort „Hexenverbrennung“ ist eingängig, obwohl es den Sachverhalt falsch darstellt.

** Warum wird der nicht exakte Begriff „Antisemitismus“ weiterhin verwendet?

Wenn ich Grass oder Gabriel des Antisemitismus beschuldigen würde, so würde ich viele erboste Zuschriften erhalten. Würden ich die beiden Herren des Judenhasses bezichtigen, so bekäme ich eine Vorladung vor einem Gericht.

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6 Antworten zu Warum heißt Antisemitismus „Antisemitismus“?

  1. aron2201sperber schreibt:

    Über einen Kommentarschreiber, der wissen wollte, ob er auch schon ein Antisemit wäre?

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2012/04/28/ist-willi-auch-schon-ein-antisemit/

  2. felixffm schreibt:

    ein guter Artikel!

  3. Gudrun Eussner schreibt:

    Ich werde zukünftig nur noch von Judenhaß, Judenverachtung schreiben, und „Holocaust“ werde ich immer durch Judenvernichtung, Vernichtung der europäischen Juden ersetzen. Es ist auffällig, wann im Deutschen in Fremdwörter ausgewichen wird – ob Wilhelm Marr den Begriff nun 1879 geschaffen hat oder nicht, er bewirkt, daß die Sprache sehr weit entfernt bleibt vom Inhalt. Unter Holocaust kann man sich gar nichts vorstellen, oder jeder stellt sich vor, was er meint. Wen dazu mehr interessiert, auf meiner alten Website gibt’s dazu den Artikel „Ex-Husband und Holocaust“
    http://www.eussner.net/artikel_2004-03-24_16-54-47.html

  4. annaleptikon schreibt:

    Sehr aufschlussreich, Danke für diese Information. Vor allem dass es sich von den „Nachkommen Sems“ ableitet, finde ich spannend.

  5. alfredishere schreibt:

    Reblogged this on Alfred's WebLog.

  6. Pingback: Stoff für’s Hirn « abseits vom mainstream – heplev

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