Die Revolution, die nie stattgefunden hat

Die Revolution, die nie stattgefunden hat

Seit einigen Tagen ereignet sich Unvorstellbares in Ägypten, so unvorstellbar, dass nicht einmal die bestbezahlten Experten es vorhergesehen haben und erklären können. Selbst demokratisch gewählte und ehrenwerte  Politiker des Westens, die bis vor wenigen Tagen vorgegeben haben, die besten Freunde des ägyptischen Diktators sein zu wollen, krümmen sich vor dem Aussprechen klarer Worte.

Eine Nachricht jagt die andere. Eine Nachricht widerlegt die vorherige und widerspricht der nächsten.

Weshalb kann niemand erklären, was sich in Ägypten ereignet? Sind die Wissenden von Blindheit geschlagen? Widerspricht das Erlebte ihrem Glauben? Und wieso bin ich allein im Besitz der Wahrheit?

Nun, ich bin es nicht. Ich versuche, die Bilder, die über dem Bildschirm des Laptops und des Fernsehens flimmern zu verstehen, ohne dem sinnlosen Text zu lauschen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, ein Bild braucht keinen Text.

Als nächstes definiere ich die Spieler und ihre Absichten. Ich darf nicht vergessen, dass Ägypten, obwohl in Afrika gelegen, Teil des Orients ist. Hier haben Worte eine andere, eine besondere Bedeutung.

Es ist nicht lange her, dass in Ägypten Schweine erbärmlich gequält und getötet wurden, weil ihnen vorgeworfen wurde, für die Schweinegrippe verantwortlich zu sein. War es vor zwei, oder vor drei Wochen, als den Ägyptern zur besten Sendezeit in den Nachrichten erklärt wurde, dass der jüdische Geheimdienst Haie trainiert hatte, Touristen im Roten Meer anzufallen? Und glauben die meisten Ägypter nicht bis heute, dass die Juden schuldig sind an der Ermordung der Kopten?

Das klingt unglaubwürdig und mittelalterlich für abendländliche Ohren. Dann fragen Sie einen Ägypter, wer den letzen Krieg zwischen Israel und Ägypten 1973 gewonnen hat! Cave! Aberglaube ist ansteckend.

Folgende Akteure spielen in Ägypten mit:

  • Präsident Mubarak
  • Mubaraks Sohn mit Entourage: die Technokraten und liberalen Manager
  • die Armee
  • das ägyptische Volk
  • die Islamisten

Der „offizielle“ Auslöser der Ereignisse ist die Revolution in Tunesien. Das tunesische Volk hat seinen Herrscher verjagt, der sich mit 1½ Tonnen Gold im Wert von 45.000.000 $ beschleppt das Land verlassen hat. Die Familie Mubarak besitzt hingegen ein sicheres Vermögen im sicheren Ausland im Wert von 40.000.000.000 $.

Tunesien und Ägypten teilen einiges:

Beide sind arabische Staaten, beide liegen im Norden Afrikas, beide sind korrupt moderate Diktaturen, in beiden herrscht Vetternwirtschaft, beide Völker sind arm, die Arbeitslosigkeit in beiden Ländern ist hoch, in beiden Ländern bilden die Menschen unter 30 Jahren die Mehrheit, es herrscht keine europäische Vergreisung.

Die Tunesier sind mehrheitlich gebildet.

Wissenswertes über Ägypten:

Ägypten ist seit 60 Jahren eine Militärdiktatur. Die  Präsidenten waren alle hohe Militärs, Nagib, Nasser, Sadat, Mubarak. Auch der neue bald starke Mann Omar Suleiman genießt das Vertrauen der Armee.

Die ägyptische Armee, eine Freiwilligenarmee, genießt bei der einfachen Bevölkerung ein hohes Vertrauen. Denn das Volk glaubt, dass die Armee 1973 einen Sieg über Israel errungen hat. In Wirklichkeit siegte die ägyptische Armee zuletzt im 2. Akt von Verdis Aida.

In einer Militärdiktatur ist die Armee ein Schmarotzer. So auch in Ägypten. Die einfachen Bauernsöhne erhalten einen Sold, der nicht zum Leben und nicht zum Sterben reicht. Besser stehen die Offiziere da, die aus der verarmten Mittelschicht stammen. Reiche Söhne brauchen den Militärdienst nicht zu fürchten. Hohe Militärs steigen in die Politik auf oder werden nach der Frühpensionierung mit bestens dotierten Positionen der sozialistischen Staatswirtschaft belohnt, was die o.g. Korruption und Vetternwirtschaft perpetuiert.

(Nach der Rückgabe der Halbinsel Sinai durch Israel an Ägypten, musste sich Ägypten verpflichten, keine großen Armeekontingente auf der Halbinsel zu stationieren. Dadurch wurde die wirtschaftliche Macht der ägyptischen Armee im Sinai beschnitten, weshalb die Wirtschaft dort gedeiht.)

In den letzen 10 – 20 Jahren bildete sich im Dunstkreis von Mubaraks Sohn eine bürgerliche Elite von fähigen Technokraten und liberalen Managern, die den Militärs ihre Pfründe streitig machten. Solange Papa Mubarak stark war, hielten sich die Militärs zurück. Nach dem Willen der bürgerlich-demokratischen Elite hätte Mubarak ihnen schon früher im Vollbesitz seiner Kräfte die Regierungsverantwortung übertragen sollen, doch der sture Greis weigerte sich.

Den Rest kann sich jeder Leser problemlos zusammenreimen.

Der an Krebs todkranke Präsident ist bereit, seinem Sohn und dessen Clique von Technokraten und liberalen Managern sein Amt zu übertragen, was das Ende der Privilegien der Armee und eine Verbesserung der Lebensqualität der Bevölkerung bedeutet (bei gleichzeitigem Rückgang der Militärimporte aus den USA). Die Armee nutzt die tunesische Revolution, um Mubarak los zu werden. Doch die durch und durch korrupte Armee ist zu schwach, den Todkranken zu vertreiben. Dem Präsidenten gelingt es, die armen gegen die reichen Ägypter aufzustacheln, um seine Notwendigkeit zu betonen. Die dem Präsidenten hörige unfähige Polizei löst sich auf. Ihre Waffen werden benutzt, um die Gefängnisse zu stürmen. Die Familien der gewöhnlichen Kriminellen befreien ihre Verwandten, die Islamisten ihre Terroristen. Mörder und Diebe bevölkern die Straßen Kairos. Das Volk bildet demokratische Bürgerwehren. Der Westen ist kopflos und fürchtet um seinen Einfluss, die USA außerdem um ihre Waffenexporte.

Eine wahrscheinliche Zukunft:

Die Militärs setzen ihre Militärdiktatur mit einem schwachen Präsidenten fort. Sie werden weiterhin vom Westen verhätschelt, benötigen trotzdem einen innenpolitischen Partner. Obama schlägt die Islamisten vor, die eigentlich mit ihrem neuen Verbündeten El Baradei politisch weit abgeschlagen sind. Die Islamisten machen mit. Das ägyptische Volk geht einer neuen und schlimmeren Sklaverei entgegen.

In Deutschland steigen die Spritpreise.

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